Mehr Freiraum für Risiko: DFG fördert erste Reinhart Koselleck-Projekte
Mehr Freiraum für besonders innovative und im positiven Sinne risikobehaftete Forschung erhalten sechs Wissenschaftler von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Sie sind die ersten Forscher, die im Rahmen der Reinhart Koselleck-Projekte der DFG gefördert werden. Für ihre geplanten Arbeiten erhalten sie einen Pauschalbetrag zwischen 500 000 und 1,25 Millionen Euro, den sie über fünf Jahre sehr flexibel einsetzen können.
Die Reinhart Koselleck-Projekte der DFG ermöglichen ausgewiesenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Durchführung von Forschungsprojekten, die weder im Rahmen der Arbeit an ihrer jeweiligen Institution noch in den anderen Förderverfahren der DFG realisiert werden können. Da besonders innovative und risikoreiche Forschungen in der Regel noch weniger planbar sind als sonstige Forschungsarbeiten, reicht bei der Antragstellung eine fünfseitige Projektskizze aus. Zusätzlich zu ihren Ideen sollen die antragstellenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch mit ihrem bisherigen wissenschaftlichen Lebenslauf überzeugen und den nötigen Vertrauensvorschuss rechtfertigen. "Es geht uns um die kühne Idee und um die Person, die in der Lage ist, sie zu verwirklichen", erklärte DFG-Präsident Professor Matthias Kleiner anlässlich der ersten Bewilligungsentscheidungen im Hauptausschuss von Deutschlands zentraler Forschungsförderorganisation. Selbst renommierte Forscherinnen und Forscher, die risikoreiche, aber vielversprechende und zukunftsweisende Forschung betreiben wollten, hätten bislang keine derartigen Möglichkeiten gehabt, Fördergelder zu beantragen, so Kleiner. "Das besonders hohe Risiko kann in der gewagten Idee, der originellen Hypothese oder auch in der neuen oder neu angewendeten Methode liegen. Die Reinhart Koselleck-Projekte schließen in diesem Kontext eine wichtige Lücke im Portfolio der DFG und in der deutschen Forschungsförderung."
Namensgeber des neuen Fördermoduls ist der im Jahr 2006 verstorbene Reinhart Koselleck, einer der bedeutendsten deutschen Historiker des 20. Jahrhunderts, der in Deutschland zu den Begründern der modernen Sozialgeschichte gehörte. Die Koselleck-Projekte wurden im Januar 2008 vom Hauptausschuss der DFG auf den Weg gebracht. Seit Juni 2008 nimmt die DFG Anträge auf Förderung entgegen. .
Die ersten Reinhart Koselleck-Projekte im Kurzporträt:
Prof. Dr. Klaus Fiedler (57), Sozialpsychologie, Professor am Psychologischen Seminar der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Klaus Fiedler will einen kognitiv-ökologischen Ansatz der Entscheidungsforschung weiterentwickeln, der ökologische Grenzen rationaler Entscheidungen einbezieht. Mit dieser Alternative zu traditionellen Erklärungsansätzen der Entscheidungsforschung sollen Antworten auf brennende Fragen der modernen Informationsgesellschaft gefunden werden. Zu diesem Zweck will Fiedler ein leistungsfähiges Netzwerk führender Forscher etablieren und einen intensiven Austausch junger Wissenschaftler durch ein spezielles Förderprogramm auf diesem Gebiet vorantreiben.
Prof. Dr. Reiner Kirchheim (65), Materialwissenschaften, Professor am Institut für Materialphysik der Georg-August-Universität Göttingen
Reiner Kirchheim will mit einem experimentell und theoretisch ausgerichteten Ansatz demonstrieren, dass sich die bekannte Wirkung von grenzflächenaktiven Substanzen generell auf Defekte in Festkörpern erweitern lässt. So könnten bestimmte Atome und Moleküle die Defekte eines Materials stabilisieren und neuartige Eigenschaften von Werkstoffen ermöglichen, zum Beispiel nanoporöse Metalle als innovative Wasserstoffspeicher oder nanokristallinen Stahl. Zudem will Kirchheim klären, ob mit diesem Ansatz die Bildungsenergie von Defekten auf Null reduziert werden kann - eine Fragestellung, die auch in zahlreichen anderen Disziplinen von großem Interesse ist.
Prof. Dr. Dominik Marx (45), Theoretische Chemie, Professor an der Fakultät für Chemie und Biochemie der Ruhr-Universität Bochum
Dominik Marx befasst sich mit der theoretischen Untersuchung von chemischen Reaktionen, die durch mechanischen Einfluss auf chemische Substanzen und insbesondere auf Elektronenpaarbindungen in Molekülen hervorgerufen werden. Diese Prozesse unterscheiden sich konzeptionell von thermisch oder photochemisch induzierten Reaktionen, wie sie üblicherweise in experimentellen wie auch theoretischen Untersuchungen betrachtet werden. Ein besonderer Fokus des Projekts liegt dabei auf mechanochemischen Simulationen. So will Marx eine Vielzahl verschiedener Systeme und Reaktionstypen untersuchen. Diese Ergebnisse sollen zunächst durch eine Kombination von statistischer Mechanik und Elektronenstruktur theoretisch analysiert werden. Fernziel ist jedoch, einen allgemeinen Rahmen samt Leitlinien für das Verständnis der Mechanochemie vorzuschlagen.
Prof. Dr. Erich Schröger (50), Psychologie, Professor am Institut für Psychologie der Universität Leipzig
Der Mensch ist mental anpassungsfähig durch seine Fähigkeit, die Welt zu interpretieren, implizite wie explizite Vorhersagen über die Zukunft zu treffen und so die Folgen seines eigenen Handelns abzuschätzen. Auf diesem Gebiet der kognitiven und biologischen Psychologie will Erich Schröger zwei traditionelle Forschungsfelder erweitern und zusammenführen. Insbesondere geht es ihm um die Bereiche der automatischen Modellierung und der systematischen Erfassung von auditiven Regeln sowie um die Unterdrückung von Hirnantworten auf selbstgeschaffene auditive Reize. Schröger will durch eine primär experimentelle Herangehensweise beweisen, dass in beiden Bereichen die Erstellung von Vorhersagen und das Prüfen ihres Eintreffens eine zentrale Rolle spielen und auf vergleichbaren kognitiven Prozessen beruhen.
Dr. Roland Schüle (51), Molekulare Medizin, Leiter der Zentralen Klinischen Forschung am Klinikum der Universität Freiburg
Das Prostatakarzinom, die in der westlichen Hemisphäre mit am häufigsten vorkommende Tumorerkrankung bei Männern, steht im Forschungsfokus von Roland Schüle. Bislang existiert für Patienten mit androgen-unabhängigen Prostatakarzinomen weder ein geeignetes klinisches Management noch eine dauerhafte Therapie. Schüle will deshalb mit seinem Reinhart Koselleck-Projekt die molekularen Mechanismen dieses Krankheitsbilds charakterisieren und aus den Ergebnissen innovative Therapieansätze ableiten.
Dr. Stefan Schuster (42), Heisenberg-Stipendiat der DFG und Privatdozent am Institut für Zoologie II der Universität Erlangen-Nürnberg
Wie steuert unser Gehirn komplexe Entscheidungen und wie stellt es sich dabei auf die sich fortwährend ändernden Gesetzmäßigkeiten und Randbedingungen der Umwelt ein? Diese Kernfragen der kognitiven Neurobiologie will Stefan Schuster auf zellulärer Ebene an Fischen untersuchen. Schuster kombiniert Verhaltensphysiologie, Elektrophysiologie, funktionelle Bildgebung, 'Computational Neuroscience' und Zebrafisch-Genetik. Damit will er ergründen, wie die Welt auf der Ebene eines sehr kleinen Entscheidungsnetzwerks im Wirbeltiergehirn so repräsentiert ist, dass flexibles, aber dennoch stabiles Handeln möglich ist.
Quelle: Pressemeldung Deutsche Forschungsgemeinschaft e.V.
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